Frauen und Gewicht
Immer wieder muss ich mit Schrecken feststellen, wie bei Frauen (Entschuldigung die Mehrzahl, aber ich kenne wirklich keine Frau, die nicht an ihrem Gewicht herumdenkt, -doktert etc), das Thema „Gewicht“ von solch grosser Bedeutung ist.
Zwar gehöre ich wahrscheinlich zu einem der wenigen männlichen Exemplare, die dieses Thema auch von eigener Erfahrung her kennen. Dass Frauen aber so ganz allgemein und praktisch flächendeckend über den Globus verteilt sich mit diesem Thema befassen, wurde mir erst in den letzten Tagen richtig bewusst (Und damit meine ich nicht nur diejenigen Frauen, die sich zu dick fühlen. Sie können sich auch zu dünn fühlen oder sich darüber mokieren, dass da die Haut nicht mehr so schön spannt, dass sich das Gewicht dort aber nun wirklich nicht sehen lassen kann …).
Erst als mir diese Begebenheit zu Bewusstsein drang, stellte ich fest, wie stark dieses Thema auch medial verbreitet ist. In jeder Frauenzeitschrift (und wahrscheinlich auch noch in vielen anderen Blättern) ist das Thema „Gewicht“ aktuell. Und zwar Ausgabe für Ausgabe (für mögliche Themen siehe oben).
Ich frage mich: Was ist da los? Egal ob dick oder dünn, egal ob jung oder alt, egal ob klein oder gross, egal ob wohlhabend oder arm, egal ob europäisch oder asiatisch: Das Thema „Gewicht“ ist ein Gewichtiges. Frau (und nun also auch Mann) kommt da nicht dran vorbei. Irgend etwas muss da dran sein, dass uns (und das sage ich bewusst!) das so beschäftigt.
Meine Frage nur: WARUM??? Ich kann es mir nicht erklären. Klar ist ein ästhetischer Körper schöner anzusehen als etwas, das wabbelt. Einverstanden. Und klar erregt ein junger, straffer Körper mehr Aufmerksamkeit in der Badeanstalt, als ein alter, vom Leben gezeichneter. Aber, warum diese andauernde Beschäftigung. WARUM???
Weshalb ist es uns (und auch hier wieder ein bewusstes „uns“) nicht möglich, unverkrampft mit unserem Körper umzugehen? Ihn so akzeptieren wie er nun eben mal ist? Warum müssen wir ihn stählen, quälen, halb verhungern lassen etc., nur damit wir irgend einem (doofen) Ideal nachrennen können, von dem wir nicht einmal wissen, wer dieses überhaupt auf’s Tapet gebracht hat?
Warum können wir ihn nicht einfach schätzen, für das, was er ist? Warum können wir ihn nicht lieb haben oder gar L-I-E-B-E-N, wie er nun mal ist? Wie er uns mit auf unseren Weg gegeben wurde?
Fragen über Fragen. Und: Gerne erwarte ich auch mögliche Antworten.
14. August 2008 um 20:58
Eine Antwort, die auch sicher zutrifft, kann ich dir nicht geben, aber ich kann dir meine Vermutungen mitteilen.
Es könnte sein, dass sich so viele Menschen mit ihrem Gewicht beschäftigen, weil sie Angst vor dem haben, was sie erwartet, wenn sie ihre Aufmerksamkeit von ihrem Äusseren auf ihr Inneres verschieben würden. Es ist oft nicht einfach, sich wirklich ehrlich, aufrichtig und offen mit sich selber auseinanderzusetzen und es fällt uns Menschen auch oft schwer, uns auf etwas einzulassen, was sich nicht so einfach in ein Schema pressen lässt. Unser Gewicht können wir in ein Schema pressen. Wir haben klare Vorstellungen und auch medizinische Richtlinien von dem, was gut ist und von dem, was nicht mehr gut ist, bzw. von Unter- bzw. Überschreitungen des „Normbereiches“. Wie jedoch verhält es sich mit unserem Innenleben, mit unserem Geist, mit unserer Seele? Die lassen sich meiner Meinung nach nicht in ein Schema pressen.
15. August 2008 um 9:17
Hallo Esperanza, was für ein schöner Name (Hoffnung),
ja, Du magst Recht haben. An das habe ich gar nicht gedacht.
Vielen Dank für Deine bereichernde Anwort.
Über Nacht ist mir ein ähnlicher Gedanke gekommen: Was, wenn wir uns NICHT mehr mit unserem Gewicht beschäftigen würden? WAS tun mit der freien Zeit? Woher nähmen die Medien dann all ihre Berechtigung her? Worüber müsste mann oder eben frau einfach SCHWEIGEN, wenn das Thema der Pfunde kein Gewicht mehr hätte?
Was geschähe, wenn wir uns, wie Du sagst, unserem Inneren zuwendeten? Und, wie kommen wir Menschen dazu, uns angstfreier auch gegenüber unserem eigenen Inneren zu öffnen?
Wenn ich den Leuten die Hand auflege, kommen wir manchmal (auch nicht immer) in diese Räume. Die sind aber vergänglich. Immerhin sind sie manchmal da und wir erahnen zusammen, was auf dieser Welt möglich wäre.
In solchen Momenten werde ich immer sehr religiös und berührt. Blitzt da jeweils das GOTTESREICH, von dem Jesus gesprochen hat durch?
Ich wünsche es mir. JA.
15. August 2008 um 12:40
Hm, du fragst dich, was wir tun würden, wenn wir uns nicht mehr mit unserem Gewicht beschäftigen würden. Ich weiss nicht, ob sich eine Antwort auf diese Frage verallgemeinern lässt. Es könnte ja auch sein, dass bei jedem Menschen ein bisschen etwas anderes geschieht, wenn er das Thema Gewicht einmal bewusst aus seinem Leben verbannt.
Ich kann dir die Frage aus meiner Perspektive so beantworten: Ich selbst gehörte etwa 10 Jahre zu den Menschen, die sich mit ihrem eigenen Gewicht beschäftigen und oft über das nachdenken, was sie essen oder eben nicht essen. Bei mir war das allerdings nicht mehr im heute üblichen Rahmen, sondern in krankhafter Übersteigerung. Ich litt während diesen 10 Jahren zuerst unter Anorexie und danach unter der Binge Eating Disorder. Irgendwann erreichte ich den Punkt, an dem ich eine ehrliche Antwort darauf suchte, warum das Thema Essen in meinem Leben eine so grosse Rolle spielt und warum ich zu abnormen Essverhalten neige. Die Antwort auf diese Frage schenkte mir den Schlüssel, mit dem ich den Weg aus den Essstörungen heraus finden konnte. Ich fand heraus, dass die Essstörungen nur dazu dienen, mich von meinem Inneren abzulenken, denn in meinem Inneren hatte sich sehr viel Schmerz aus früheren schrecklichen Jahren angestaut und ich wollte mich wohl mit der übersteigerten Konzentration aufs Essen und aufs Gewicht davor schützen, meine Schmerzen spüren zu müssen. Nachdem ich dies erkannt hatte, entschied ich mich dazu, das Thema Gewicht aus meinem Leben zu verbannen und zu versuchen, mich meinem Inneren zuzuwenden. Daraufhin passierten entscheidende Veränderungen. Das Thema Essstörungen verschwand mit dieser Entscheidung aus meinem Leben. Seit nun etwa 5 Jahren spielt das Thema Gewicht für mich keine Rolle mehr. Ich lernte, auf meinen Körper zu hören und so dachte ich auch nicht mehr darüber nach, was und wieviel ich ass, denn mein Körper signalisiert mir, wieviel er von was benötigt. Heute habe ich eine gute Einstellung zu meinem Körper. Ich hab ihn gern, so wie er ist und das Thema Gewicht spielt für mich überhaupt keine Rolle mehr. Ich habe nicht die Idealfigur, die uns durch die Medien vorgegeben wird. Aber das stört mich nicht, interessiert mich nicht einmal. Was ist schon eine Idealfigur? Das einzige was zählt ist doch, dass man sich in seinem Körper wohlfühlen kann und dass er gesund ist. Das Schwierige am Ganzen war allerdings das, was mich gefühlsmässig erwartete, als ich das Thema Gewicht aus meinem Leben verbannte. Zunächst einmal traf ich auf einen bedrohliche Leere. Das Thema Gewicht hatte in meinem Leben einen so grossen Raum eingenommen, dass nun ohne dieses Thema zunächst einmal einfach eine inhaltslose Leere zurückblieb. Das machte mir Angst und ich fühlte mich orientierungslos und alles erschien mir sinnlos und bedeutungslos. Ich wollte aber diese Leere nicht wieder mit dem Thema Gewicht füllen. Ich versuchte, mein Inneres zu spüren und langsam begann sich die zunächst wahrgenommene Leere zu füllen. Ein tiefes Gefühl von Liebe erfüllte mich, aber der angestaute Schmerz und die angestaute Verzweiflung überwältigten mich. Ich glaube, es liegt noch ein langer Weg vor mir. Ich habe über Jahre hinweg so vieles, was sich in mir innen befand, verdrängt, dass ich nun viel Geduld benötige…
Was denkst du zu all dem? Ich hoffe, es wird mir irgendwann gelingen, hinter den Schmerz und die Verzweiflung zu gelangen, die sich durch die schrecklichen Erfahrungen, die ich machen musste, in mir angestaut haben. Ich glaube nämlich, dass ich tief in mir Innen ein wunderschönes Gefühl von Ruhe und Frieden finden würde und noch viel mehr… Werde ich jemals dorthin kommen? Ich hoffe und wünsche es mir von Herzen…
Was denkst du, würde bei dir geschehen, wenn du das Thema Gewicht aus deinem Leben verbannen würdest und deinen Körper einfach so annehmen und lieb haben würdest, wie er ist?
Ich freue mich auf deine Antwort, ich finde es nämlich sehr wertvoll, sich über solche Dinge unterhalten zu können.
19. August 2008 um 11:16
Hallo Esperanza,
ja, das kenne ich. Zuerst ist da nichts als Leere. Nur langsam, mit Geduld und viel Einfühlungsvermögen sich selber gegenüber kann dieser Raum wachsen und sich in einen Ort der Liebe und des Friedens verwandeln.
Das erlebe ich bei anderen Menschen immer wieder, wenn ich Hand auflege oder bei mir selbst, wenn ich meditiere.
Diesen Raum GIBT ES WIRKLICH!
Und: Ich bin mir sicher, dass Du diesen Raum schon x-Mal betreten hast, vielleicht, ohne es zu bemerken. Wie gesagt: es gibt ihn. Ich wünsche Dir, dass Du diesen in Dir hegen und pflegen kannst.