Lob auf die Unvollkommenheit
Als jemanden, dem ein solcher Titel vor ein paar Jahren noch nicht ein Mal in den Sinn gekommen wäre, da er, wenn er etwas macht, dieses auch gerne gut, bzw. besser macht, fällt es mir nun mittlerweilen relativ leicht, Unperfektheit auch loben zu können.
Vor einiger Zeit wäre mir das noch schwer gefallen. Nun tut es das nicht mehr. Zwar habe ich es noch immer gerne schön, perfekt und gut – und das alles natürlich am liebsten bereits gestern -, doch sehe ich immer wieder auch die Schattenseiten des Perfektionismus, bzw. die Sonnenseiten dessen, wenn es eben nicht immer nach meinen Vorstellungen geht.
Ein Beispiel: Bei meinen Trauungen (www.trauungen.ch) treffe ich immer wieder auf Paare, die ihre Trauung gerne minutiös genau geplant haben möchten. Ich verstehe diesen Wunsch und gehe – so gut wie möglich – auch gerne darauf ein. Schliesslich gilt der Tag der Hochzeit ja weitherum als „schönster Tag“ im Leben eines Hochzeitspaares.
Einen Haken gibt es in dieser Sache allerdings: Oft wirken Trauungen, die wie von einem Regisseur auf die Sekunde genau durch geplant sind, eher etwas steif. Der Raum für das Spontane, der – so mittlerweilen meine Erfahrung – in jeder Beziehung Leben ins Spiel bringt, fehlt. Und zwar oft gewaltig.
Aus diesem Grunde rate ich Paaren immer wieder, es nicht zu ernst und zu tragisch zu nehmen, wenn einmal etwas schief geht. Erstens ist dieses „negative“ Ereignis sicherlich nicht böse gemeint und schon gar nicht gegen das Paar gerichtet und zweitens bleiben solche Fehler/Dummheiten/Unachtsamkeiten/Verspätungen/Nervositäten/… noch ein ganzes Leben lang in Erinnerung. Perfekt inszenierte Trauungen vergessen wir in der Regel bereits wieder am nächsten Tag. Vergisst hingegen der Bräutigam seinen Text oder fällt die Braut vor lauter Aufregung kurz in Ohnmacht oder klingelt bei jemandem mitten in der Trauung das Handy (ich könnte noch manche Beispiele anfügen [siehe auch unter Youtube: "wedding disasters" oder direkt hier]), sorgt das zwar kurzzeitig für Aufregung. Spätestens bei den Glückwünschen sind solche kleinen Begebenheiten wieder vergessen. Und sollten sie später doch noch einmal auftauchen, sorgen sie meistens für nicht als Erheiterung. Und das passt ja zu einer Hochzeit.
Heutzutage würde ich darum sogar so weit gehen und behaupten, dass, wenn etwas zu 80%, vielleicht 85% perfekt ist, es wirklich perfekt ist. Wenn etwas zu 99% perfekt ist, ist es nicht mehr perfekt, sondern klinisch. Und das ist dann eben bereits nicht mehr perfekt, da der Spielraum fehlt, in dem sich das Leben entfalten kann.
15. August 2008 um 16:12
Ich finde es schön, dass du gelernt hast, dass Perfektheit nicht das ist, was unser Leben schön und interessant macht. Gibt es nicht viel zu viele Menschen, die ihr Leben lang den Perfektionismus anstreben, nie mit sich selber und dem, was sie tun, zufrieden sein können? Dabei verpassen diese Menschen es, das Leben zu geniessen. Perfektionismus verlangt ausserdem strikte Kontrolle. Ist es nicht viel schöner, sich vom Leben tragen zu lassen, auf seine Überraschungen einzugehen und nicht alles minituös zu planen und zu kontrollieren?
Wenn ich etwas tue, dann mache ich es auch gerne gut. Aber ich verlange nie von mir, dass ich es perfekt mache, damit würde ich mir nur einen unnötigen Druck auferlegen. Ich finde es wichtig, dass ich hinter dem stehen kann, was ich tue, nicht dass das, was ich tue, perfekt ist.
Noch ein Gedanke: Ist es nicht gerade die Unperfektheit, die uns selbst liebenswürdig und unser Leben bereichernd macht? Könnte der Tag existieren, wenn es keine Nacht geben dürfte? Könnten wir uns an unseren Stärken freuen, wenn wir keine Schwächen hätten oder diese nicht akzeptieren würden?